Kreativer Leerlauf

Den Angestellten mehr Freiheiten zu gewähren fördert die Loyalität zum Arbeitgeber und die Arbeitsbereitschaft. Dieser Ansicht ist zumindest Chris Wallace, Gründer der amerikanischen Webdesign-Firma SuperGroup Creative Omnimedia. Herrschte einmal Auftragsflaute für sein Unternehmen, wollte er trotzdem keinen seiner talentierten Mitarbeiter entlassen. Stattdessen gab er ihnen in geschäftlichen Leerlaufphasen die Möglichkeit, ihren privaten Interessen nachzugehen.

Und weil Wallace so kreative Köpfe angeheuert hatte, die mehr konnten als lange Ketten aus Büroklammern zu basteln, erwies sich seine Entscheidung als Glücksfall. Denn seine Angestellten komponierten nebenher Musikstücke und verbesserten ihre Fähigkeiten in der Foto- und Videobearbeitung. Als die Aufträge für das Unternehmen wieder eintrudelten, konnte Wallace auf viele Ergebnisse der kreativen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zurückgreifen. In manchen Meetings, verriet er dem Wall Street Journal, waren bis zu 40 Prozent der Arbeiten, die er potenziellen Kunden vorstellte, von seinen Mitarbeitern als Privatspielerei geschaffen worden.

Eine schöne Geschichte aus dem Urland des „hire and fire“, finde ich. Und eine Geschichte, die zeigt, wie viel Kapital in Humankapital (Unwort des Jahres 2004) stecken kann. Mr. Wallace schränkt allerdings ein, dass dieses Modell seiner Ansicht nach nur bei einer überschaubaren Firma wie seiner funktioniert. Es ist wohl besser, das nicht im globalen Finanzbusiness zu versuchen. Wiewohl: Auch dort gibt es kreative Köpfe. Auch sie basteln keine langen Ketten aus Büroklammern, sondern verpacken schlechte Risiken so schön, dass die Marktgesetze aus Kraft gesetzt zu sein scheinen. Doch letztlich wird diese Art der Kreativität teuer bezahlt. Wollen wir wirklich wissen, auf was für Ideen die Finanzbastler kommen würden, wenn sie nach dem Wallace-Modell in der Flaute statt entlassen zu werden an Innovationen stricken dürften?

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