Eskalation (China Teil 5)

Yue ist sauer. Sie ist 21, Studentin an einer chinesischen Medizin-Hochschule, und auserwählt, an der Eröffnungsveranstaltung der Olympischen Spiele teilzunehmen. Und jetzt sitzt sie verärgert in einem Café am Ufer des Houhai Lake im Zentrum von Peking. Sie versteht nicht, warum westliche Medien das Thema Tibet seit Wochen besetzen. Es würde einseitig berichtet, nur die tibetische Seite würde gehört, die chinesische Meinung als Propaganda abgetan.

Yue übt schon seit Wochen für die Zeremonie. Dafür lässt sie Kurse sausen, muss abends das Versäumte nacharbeiten, um nicht den Anschluss zu verlieren. Sie hat Angst, dass die Plackerei umsonst gewesen ist, dass es im Extrem zu einem Boykott der Spiele kommt. “Warum kann man das nicht nach den Spielen regeln”, fragt sie. Yue hat große Sorgen, dass es Probleme gibt, dass die Spiele nicht reibungslos über die Bühne gehen. Damit ist sie nicht allein. Es mag inzwischen abgedroschen klingen, aber welcher Chinese verliert schon gerne das Gesicht.

Yues Schwester lebt in Tibet, in Lhasa, und habe ihr erzählt, dass es nur einige wenige Chaoten waren, die den Ärger dort angezettelt hätten. So sei es schon immer gewesen. Sie selbst lebe doch friedlich mit den Leuten zusammen egal ob sie zu den Han, zu den Hui oder zu den Tibetern gehörten.

Es ist schwierig das Thema Tibet dieser Tage zu ignorieren. Die Titelseiten der chinesischen Seiten sind voll davon. Die Stimmung in der Stadt ist angespannt. Nicht alle reden so freimütig darüber wie Yue. In einem tibetischen Restaurant im Pekinger Botschaftsviertel wird vergnügt getanzt und gelacht, Tibeter und Chinesen gemeinsam, und der Kellner will zwar über Gott und die Welt reden, schüttelt aber lachend den Kopf, als ein gewisser Blog-Schreiber mehr über die Lage in seiner Heimat wissen will.

Erschreckend ist derweil die Politik: hüben wie drüben scheint niemand in der Lage zu sein, die Gemüter zu beruhigen. Die Chinesen sind beleidigt und prangern den Westen mit erstaunlich deutlichen Worten an. Im Westen derweil mangelt es nicht an harschen Resolutionen, Mahnungen und Drohungen. Deeskalation ist anders. Die einen können vielleicht nicht, die anderen wollen offensichtlich nicht.

Es wird daher wohl weiterhin Boykott-Aufrufe gegen Carrefour geben und gegen LVMH. Vielleicht auch bald gegen Daimler Benz oder Volkswagen?  Inwieweit das auf die wirtschaftlichen Beziehungen durchschlägt ist aber momentan wohl noch keine angebrachte Frage. China versus die westliche Welt ist jedenfalls ein Kommunikations-Desaster allererster Güte. Das findet auch Yue.  

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