Schweigen ist Gold
Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt den Leitzins bei 4 Prozent stehen. Das war zu erwarten. Und ebenso war zu erwarten, dass sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet bei der Begründung dieser Entscheidung nicht zur aktuellen Diskussion um eine mögliche Rezession in den USA und die Folgen für Europa äußern würde. Denn auch sonst nehmen die obersten Währungshüter des Euro-Raumes höchstens sporadisch zur wirtschaftlichen Entwicklung Stellung.
Warum eigentlich? Schließlich veröffentlicht ihr US-Gegenstück, die Federal Reserve Bank (Fed), seit 1979 halbjährlich Berichte zur Konjunkturentwicklung. Seit November 2007 erscheinen die Wälzer sogar einmal pro Quartal.
Einerseits lässt sich die Zurückhaltung der EZB mit ihrem Selbstverständnis erklären. Denn ihr oberstes Ziel ist es, die Preise im Euro-Raum stabil zu halten. Daher lässt sie sich zwar gern in aller Breite über das Geldmengenwachstum und die Inflation aus, nicht jedoch über Wirtschaftsprognosen. Die US-Notenbank fühlt sich dagegen stärker fürs Wirtschaftswachstum verantwortlich.
Vielleicht hütet sich die EZB aber auch aus reinem Eigennutz vorm Blick in die Kristallkugel. Um der öffentlichen Häme zu entgehen, falls ihre Prognosen nicht eintreffen. Denn die öffentliche Schelte kann mitunter ganz schön derb ausfallen – der Offenmarktausschuss der Fed bekam es gerade wieder zu spüren. „Es zeigt sich, dass die Prognosen des Ausschusses keinen Mehrwert bieten“, wettern zwei Wirtschaftsprofessoren der renommierten University of California. In einer aktuellen Studie haben sie herausgefunden, dass die Konjunkturprognosen der obersten US-Währungshüter sogar zu falschen Entscheidungen führen können.
„Ich bin nicht besser als irgendjemand anders“, konterte der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan Kritik an seinen analytischen Fähigkeiten. Vielleicht wollen EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und seine Kollegen nur nicht in solche Erklärungsnöte geraten. Schweigen ist eben Gold – und das steht gerade in Rezessionszeiten hoch im Kurs.








