Anlagetipp: Plutonomy
Was sich in China abspielt, übersteigt das Fassungsvermögen der meisten Menschen in den USA und Europa doch ganz erheblich. Die Aktienkurse steigen täglich um ein bis zwei Prozent. Chinas Waren überschwemmen die Weltmärkte. Die Gesellschaft wandelt sich dramatisch. Unzählige Familien arbeiten sich auf der Einkommensleiter nach oben.
Und jetzt das: Die Anzahl der chinesischen Dollar-Milliardäre ist seit 2006 von 15 auf 106 gestiegen. Der Report des Magazins „Hurun“ verweist darauf, dass nur die USA mit 400 Superreichen mehr Milliardäre als China aufweisen. Die USA brauchten dafür allerdings sehr viel länger.
Um 91 Milliardäre innerhalb eines Jahres zu produzieren, muss ein Land wohl einige Hundert Neu-Millionäre produzieren. Und darunter wiederum einige Zigtausend Besserverdiener mit einigen Hundertausend Dollar Vermögenszuwachs. Und das setzt sich fort: Die Zahl der Chinesen, die unter einem Dollar pro Tag zum Leben haben, wurde seit 2000 um zwei Drittel auf heute 150 Millionen verringert.
Wie beurteilt man im Westen eine Gesellschaft, die diese Wunder vollbringt? So: „Die Verteilung des relativen Reichtums innerhalb der Gesellschaft bleibt allerdings ein großes Problem. So hat sich Chinas Gini-Koeffizient zwischen 1990 und 2000 von 0,30 auf 0,47 verschlechtert (je näher bei null, desto „gleicher“ sind Vermögen und Einkommen verteilt), so “diepresse”.
Tatsächlich könnte man die alten Zeiten herbeisehnen, in den in China Gleichheit herrschte und fordern, dass eine alljährliche Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (also der Versorgung der Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen) um zehn bis zwölf Prozent nur genehmigungsfähig sei, wenn jeder Chinese jederzeit genau das gleiche Zuwachsstückchen bekomme.
Dummerweise gibt es bei einer solchen Organisation zur absoluten Gleichheit immer ein Megaproblem: Es gibt überhaupt keinen Zuwachs. Egal, ob die Gleichheit durch Abschaffung von Privateigentum (Modell Sozialismus) oder enteignungsgleiche Abgabenbelastung (Modell Sozialstaat) zustande kommen soll: Die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen bleibt schwach – für alle. Und ohne Wachstum gibt es gar keine Chance – für niemanden.
Und jetzt die abschließende Zumutung für westliche Gleichheitsutopien: Die Ungleichheit, welche kapitalistische Wettbewerbsmärkte produzieren, ist zwar auch die Folge von kapitalistischem Wachstum – viel wichtiger aber ist: In Wirklichkeit ist die Ungleichheit der wichtigste Antrieb, um eine permanent bessere Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen für alle (gerade auch die jeweils relativ ärmsten) zu gewährleisten.
Ajay Kapur, bis vor kurzem Chefstratege der Citigroup in New York und jetzt Finanzunternehmer in Hongkong, nennt nennt Gesellschaften, die viele Reiche sowie hohe Einkommensunterschiede produzieren „Plutonomys“. Die Ansammlung von Reichtum innerhalb eines marktwirtschaftlichen Umfelds mit ausreichender Rechtssicherheit sorgt dafür, dass die Wohlhabenden risikobereit in Innovationen investieren, funktionierende Kapitalmärkte und funktionierende Infrastruktur erzwingen. Die Noch-nicht-Wohlhabenden profitieren von alledem. Die Ungleichheit erzeugt Wachstum. Anleger sollten darauf setzen. Kapur empfiehlt ein Plutonomy-Basket aus Titeln von Luxusgüterherstellern.
Das hat in den vergangen 20 Jahren rückgerechnet eine Rendite von knapp 18 Prozent jährlich gebracht. Und wer seine Vorurteile zum Thema Gleichheit und Gerechtigkeit noch weiter ins Wanken bringen will, rede mit Chinesen über die Entwicklung der vergangenen Jahre im Reich der Mitte. Etwa mit Gigi Chan. Die Threadneedle-Fondsmanagerin in einem Beitrag für €uro am Sonntag: „Noch vor einer Generation dagegen litten die Chinesen unter verzweifelter Armut. Manche Familien konnten nie zusammen ausgehen, weil es im Haushalt nur eine Hose gab. Auch meine Familie aus Hongkong musste bei Besuch ihrer verarmten Verwandten in China immer ihre Mäntel und Schuhe zurücklassen. Heute leben diese Verwandten in modernen Hochhäusern wie Millionen ehemals armer Festlandchinesen.“








