Mehdorn ist Macht wichtiger als der Markt
Heute Morgen habe ich eine halbe Stunde länger als üblich in die Redaktion gebraucht. Nicht nur, weil trotz der Regenschauer Massen auf die Theresienwiese zum Oktoberfest drängten. Münchens Straßen waren auch verstopfter als sonst, weil viele auf den eigenen vier Rädern dem Bahnstreik zu entkommen suchten. Pünktlich war ich trotzdem, denn ich hatte wegen des Streiks einfach mehr Zeit für den Arbeitsweg eingeplant. Und den streikenden Lokführern nehme ich den Verlust von etwas Freizeit nicht übel. Denn sie verteidigen etwas, was mir viel bedeutet: den freien Markt.
Was der Arbeitskampf einer Gewerkschaft mit freiem Markt zu tun hat? In diesem Fall viel. Denn Fakt ist: Die Deutsche Bahn AG hat, um sich für einen Börsengang aufzuhübschen, Personal eingespart und eigentlich rund 1000 Lokführer zu wenig. Die Männer (und Frauen) in den Zugmaschinen der Wirtschaft sind also ein knappes Gut. Knappes Angebot und hohe Nachfrage ergeben steigende Preise, also höhere Löhne für die Eisenbahner. So einfach ist das im freien Markt.
Der Streik kostet die Bahn laut Achim Stauß, Sprecher für den Personenverkehr, täglich eine Million Euro. Wäre Bahn-Chef Hartmut Mehdorn ein Marktmensch, würde er nachrechnen und zu dem Schluss kommen: Okay, mehr Gehalt für die Lokführer kommt die Aktionäre billiger als die Verluste aus dem Streik – geben wir ihnen also mehr. Und dann lasst uns wieder Geld verdienen. Oder Mehdorn schafft die Lokführer ab und lässt die Bahnen automatisch fahren – was technisch wohl bald möglich wäre.
Doch Mehdorn ist ein Machtmensch. Er setzt darauf, dass er den Markt mit einer Quote von 50 Prozent verbeamteten Lokführern aushebeln kann. Schützenhilfe bekommt er von Norbert Hansen, Chef der nicht streikenden Gewerkschaft Transnet, der als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bahn AG wahrscheinlich nicht genau weiß, wessen Interessen er eigentlich vertreten soll (böse Gerüchte sagen, Mehdorn hätte ihm für die Zukunft einen hoch dotierten Posten versprochen).
Und, das ist das Erstaunliche, Mehdorn holt sich auch noch die Hilfe von Provinzgerichten. Und die urteilen dann vielleicht in der richtigen Beantwortung von ausgefeilten juristischen Verklausulierungen. Aber warum das Streikrecht bei der Bahn mal in der Urlaubszeit nicht gilt oder, wie letzte Nacht ein Chemnitzer Gericht entschied, nicht für den Fern- und Güterverkehr, aber für den Nahverkehr – das erschließt sich wohl mehr Juristen als Wirtschaftlern.
Dass zu wenig Lokführer für spätere Bahn-Aktionäre irgendwann doch steigende Lohnkosten und damit weniger Gewinne bedeuten, wird ohnehin übersehen. Mit dem marktfernen Mehdorn als Manager ist die Deutsche-Bahn-Aktie kein Thema für mich. Mein Aktientipp: Der französische Versorger und Bahnkonzern Veolia.








