Der lange Blog zum Mythos Inflation und dem Sack Reis in China
Stehen wir vor einem Inflationsschub? In Deutschland gehen erste Schätzungen für September von 2,5 Prozent aus, im Euro-Raum werden es über 2,1 Prozent sein.
Das „alles teurer wird“ ist eine volkstümliche Empfindung, die wohl das erste Mal vor 5000 Jahren in Ägypten ausgesprochen wurde. Und seitdem zum festen Bestandteil des globalen SmallTalks wurde. Und seitdem falsch ist. In Wirklichkeit ist alles billiger geworden. Jedermann in Deutschland (und nicht nur da) hat heute eine Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen, die frühere Generationen nur als traumhaft empfinden würden.
Haben Sie schon mal versucht einen Zehn-Euro-Schein zu essen? Er schmeckt nicht – und sättigt nicht. Der 50 Euro-Schein ist in der Hinsicht auch nicht besser. Was wir brauchen sind Brot, Butter, Medikamente, Computer und Millionen andere Güter und Dienstleistungen. Wir spezialisieren uns aufs Haareschneiden oder Computerbauen und tauschen dafür Brot, Butter und alles andere ein. Damit wir nicht mit der Schere von Bauernhof zu Bauernhof laufen müssen, um unsere Dienste gegen Nahrungsmittel einzutauschen benutzen wir Geld. Preise und Löhne bilden die Knappheit von Gütern und damit Austauschverhältnisse ab. Ein Brot wird also letztlich eingetauscht gegen etwa 1/200 Computer.
Ob sie das heute tun oder morgen ist letztlich unwichtig. Die Preisverhältnisse werden sich praktisch nicht ändern. Wenn sie aber glauben, dass Sie morgen nur noch 1/400 Computer für ihre Arbeitskraft oder Ihre Tauschmittel bekommen – dann kaufen Sie den Computer heute schon. Oder sie verdoppeln den Preis für Ihre Arbeitskraft. Das ist Inflation.
Sie ist die Erwartung von Preissteigerungen, die zu einer Lohn-Preisspirale führt. Dies führt dazu, dass Geld seine Funktion als Anzeiger von Knappheiten verliert. Dann werden Investitionen, Kredite und Abzinsungsrechnungen immer schwieriger. Die Wirtschaftstätigkeit wird behindert: Rezession, Arbeitslosigkeit usw. sind die Folgen.
Für Investoren ist also die Abschätzung von Inflationsgefahren eine der wichtigsten Investmentfragen überhaupt. Deshalb: Haben wir panische Preissteigerungserwartungen? Haben wir eine Lohn-Preisspirale? Haben die Gewerkschaften die Macht, zweistellige Lohnsteigerungen durchzusetzen, die sich dann in alle Preise für alle Güter und Dienstleistungen durchbeißen und die Inflationserwartung anheizen?
Wer an die Lohnpreisspirale glaubt, sollte sich jetzt schnell billig verschulden, auf die Inflation warten und sich dann mit sattem Gewinn entschulden oder auf inflationssichere Anlagen setzen – wie etwa Immobilien in München.
Der Aberglaube von breiten Bevökerungsschichten und Redakteuren in Sachen Inflation wird sich wohl nicht ausrotten lassen. Vielleicht hilft dem einen oder anderen die Einschätzung eines renommierten Volkswirts: «Ich befürchte, dass die Löhne in Deutschland über viele Jahre weiter stagnieren werden» sagte Ifo-Chef Hans Werner Sinn am Dienstag. Seine Begründung: „Millionen Hungerlöhner aus China, Indien und anderen Ländern drängen auf den Welt-Arbeitsmarkt» Und sorgen mit ihrem Fleiß und ihrer Effizienz dafür, dass Laptops, die vor vier Jahren noch 1000 Brote gekostet haben jetzt 500 Brote kosten.
Das wiederum heißt aber nicht, dass nicht einzelne Güter, wie etwa Rohstoffe auf Dauer knapper und begehrter werden und wir für den Genuss dieser Güter in Zukunft mehr von unserer Arbeitskraft hergeben müssen. Die Austauschverhältnisse ändern sich. Das ist normal. Dass heißt aber wiederum auch nicht, dass es für alle Zeit ausgeschlossen ist, dass auf einzelnen Märkten ein Tulpenwahn entsteht – wie etwa auf dem US-Häusermarkt. Dort kann man sehen, worauf es beim Gerede von der Inflation ankommt: Preissteigerungserwartungen. Die führen jetzt zu Aufräumarbeiten im weltweiten Finanzsystem.
Aber dumpfes Volksempfinden könnte eines Tages mal zutreffend sein. Dann wenn der Preis für einen Sack Reis in China explodiert und hunderte Millionen Arbeitnehmern in Indien und China eine Lohnpreisspirale in Gang setzen. Dann wird Geld seine Funktion verlieren.
Und wer wissen will, was es heißt, wenn wirklich alles teurer wird, sollte sich den Einkaufszettel des Moskauer Korrespondenten der WELT anschauen: www.welt.de.








