Mahlzeit! Die Zinsen steigen

„Lebensmittel teurer“, schreit es in jüngster Zeit und immer mehr von den Titelseiten der Zeitungen. Und: „Inflation steigt“. Wirklich wahr? Ich merke gar nichts davon. Vielleicht bin ich ein Ignorant. Oder es liegt daran, dass ein paar Mal im Jahr die Post ein „Care-Paket“ aus dem Sauerland vorbeibringt. Von meiner Schwiegermutter in spe. Drin ihr legendärer Rotweinkuchen, ein Ring Mettwurst und andere Leckereien. Da muss man tagelang nicht mehr einkaufen gehen.

Die Wurst ist vom Bauer Brandenburg in Brilon und kostet – ich habe extra nachgefragt – sechs bis sieben Euro, je nach Größe. Und das seit Jahren. „Der Preis ist stabil“, sagt die Schwiegermutter in spe. Aber das kann doch nicht sein! Wird doch alles teurer.

So, und jetzt kommt der große Brückenschlag zur Weltwirtschaft. Auf dem ganzen Globus soll nämlich alles teurer werden. Und als gewichtiger Preistreiber werden derzeit gerne die Lebensmittel ausgemacht. So geht die Argumentation: Essen wird teurer, darum steigt die Inflation, deswegen müssten die Zinsen rauf, und deswegen sind die Kurse bei den Anleihen in den vergangenen Tagen so stark in den Keller gerutscht.

Aber stimmt das denn so?

Erst mal zurück zur Wurst.

Studien zeigen, dass Inflation meist stärker wahrgenommen wird, als sie tatsächlich ausfällt. Gerade bei Essen und Trinken. Da kann man dann von „gefühlter Inflation“ sprechen. Und eine Wurst wird schnell teurer, obwohl das gar nicht der Fall ist.

Dazu kommt, dass Lebensmittel in den Warenkörben der Statistker mit um die zehn Prozent Anteil nicht gerade dominierend vertreten sind. Da fällt ein Laib Brot kaum ins Gewicht.

Außerdem macht eine knackige Schlagzeile noch lange keine gute Story. Wie bei allen Waren und Dienstleistungen gibt es bei Lebensmitteln Preisschwankungen, die mit der aktuellen Verfügbarkeit zu erklären sind: Erdbeeren, Zwiebeln, Spargel, Blumenkohl, Kohlrabi, Tomaten, Möhren sind dieses Jahres erheblich günstiger als 2006. Teurer dagegen Geflügel und Kartoffeln. Weil a) zu wenig „produziert“ wurde und b) die Ernte schlecht ausgefallen ist.

In China ist das nicht anders. Hier machen sich Pessimisten Sorgen um die Inflation, weil die Preise für Schweinefleisch stark gestiegen sind. Nur wird vergessen, dass Chinas Schweinefarmer im vergangenen Jahr die Aufzucht vernachlässigt hatten und eine Krankheit 20 Millionen Tiere in Südchina dahinraffte. Schweinefleisch süss-sauer ist daher ordentlich teuer geworden. Das muss es ja aber auch: in funktionierenden Märkten zeigt der Preis schließlich an, wie knapp ein Gut ist. Kein Problem also.

Ähnlich in den USA: Hier soll der zunehmende Anbau von Mais zur Ethanolgewinnung die Preise bei den Lebensmitteln treiben. Die Preise für Getreide sind tatsächlich gestiegen. Irritierend ist nur, dass eigentlich genügend Land sowohl für die Produktion von Lebensmitteln als auch von Bioenergie vorhanden ist.

Schlagzeilen genug also. Und trotz allem liegt die Inflation in Deutschland nur bei 1,9 Prozent, in Europa ungefähr bei zwei und in den USA bei 2,4 Prozent. Alles recht stabil und wie immer aufmerksam beäugt von den Notenbankern der Welt.

Dass die Anleihenkurse so stark gefallen sind, liegt daher weniger an tatsächlichen Inflationsgefahren oder an pessimistischeren Inflationserwartungen, sondern eher an der Erkenntniss, dass die Weltwirtschaft derart stark läuft, dass in Bälde nicht mit sinkenden Zinsen zu rechnen ist. Davon waren aber viele ausgegangen. Die Anleihenkurse waren daher schlicht zu hoch und sind jetzt wieder auf einem fairen Niveau angekommen. Da kann man fast wieder einsteigen. Inflation? Ist mir Wurst!

Blümel staunt, http://finanzen-blog.net, 14.06.07, Martin Blümel

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