Helmut Schmidt raucht und irrt
„Als Altersvorsorge ist die Aktie unbrauchbar.“ So steht’s in der Kolumne „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“. Erstaunlich, was der Altkanzler und Herausgeber des Wochenblattes „Die Zeit“ auf die Fragen seines Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo antwortet. Erstaunlich, aber auch verständlich – Schmidt ist schließlich ein Kind seiner Zeit.
Kolumne gelesen? Aufschlussreich, nicht?!
Ob es an der Interview-Atmosphäre lag? Die Beiden saßen vermutlich in knarzigen schwarzen Ledersofas, die Luft geschwängert vom Rauch der Schmidt’schen Menthol-Zigaretten, der Sauerstoffgehalt der Zimmerluft niedrig. Der Altkanzler im korrekten dunklen Anzug, die Beine übereinandergeschlagen. Die Antworten schmallippig, sonor, ohne Eile. Ungefähr so.
Aber auf zur Widerrede:
Aktien sind durchaus als Altersvorsorge brauchbar! Als Aktienfonds etwa oder Indexzertifikat. In der Form eines Sparplans. Das kann dem Altkanzler auch der Mann von der Sparkasse Pinneberg vorrechnen. Und wenn es da an Vertrauen fehlt, lausche Schmidt den Erklärungen von Sachverständigen. Dem Wirtschaftsweisen Professor Bert Rürup etwa. Der hat ja auch dasselbe Parteibuch. Man kennt sich doch…
Zugegeben, im speziellen Fall Helmut Schmidt sind Aktien tatsächlich unbrauchbar. Mit 88 Jahren empfehlen sich eher festverzinsliche Papiere. Das weiß auch der Mann von der Sparkasse Pinneberg. Von Rürup ganz zu schweigen.
Nicht zu wissen, wie das angesparte Vermögen strukturiert ist, klingt jedoch kokett. Es entspricht vermutlich einem gewissen „intellektuellen“ Lebensgefühl und ist Ausdruck einer vergleichsweise komfortablen Versorgungssituation der Vorkriegsgeneration. Dem durchschnittlichen deutschen Arbeitnehmer der Jetztzeit dürfte dieses Nichtwissen aber als reiner Luxus vorkommen. Oder gar als Hohn. Im Unterschied zur Generation Schmidt ist private Altersvorsorge für die jüngeren Semester nämlich schlichtweg eine Notwendigkeit geworden.
Doch da ist eben die beinahe schon pathologische Angst der deutschen „Intellektuellen“ vor der Aktie. Alles Teufelszeug! Darf man nicht machen.
Oft basiert die ablehnende Haltung allein auf diffusen Gefühlen, auf einer gehörigen Portion Halbwissen. Die Ratio bleibt außen vor. Börsianer werden mit Investmentbankern in einen Topf geworfen. Hedgefonds mit Private-Equity-Gesellschaften. Zudem ist es schlichweg falsch, wie von Schmidt behauptet, dass ein Aktien-Crash zwangsläufig in eine Rezession mündet. Der Einbruch der Börsen im Jahr 2001 etwa wurde lediglich von einem zyklischen Abschwung der Weltwirtschaft begleitet. Rezession ist anders.
Was bleibt, ist der immer währende Ruf gewisser Kreise nach mehr Regulierung, nach staatlicher Aufsicht. Als ob wir davon nicht schon genug hätten. Das Repetieren alter Phrasen ist so nicht mehr intellektuell, sondern reaktionär.
Ich habe für meine Tochter Leonie in bewusster Ablehnung jeglicher Bedenkenträger einen Aktienfonds-Sparplan abgeschlossen. Sie wird sich irgendwann darüber freuen. Wenn sie dann noch die Finger von Zigaretten lässt… Das wäre auch eine Form der Altersvorsorge. Nicht jeder hat eine derart zähe Konstitution wie Altkanzler Helmut Schmidt.
Blümel staunt, http://finanzen-blog.net, 08.06.07, Martin Blümel









Am 10. Juni 2007 um 20:40 Uhr
Sehr geehrter Herr Altbundeskanzler Schmidt!
Ich bin 42 Jahre alt und komme aus den neuen Bundesländern. Ich habe Sie bis jetzt als Altbundeskanzler sehr verehrt. Was Sie jedoch in Ihrem Artikel über die Aktie meinen - war das wirklich Ihr Ernst?
Was sagen da Anleger in deutsche Aktienfonds, welche in den 50er- und 60er Jahren aufgelegt wurden? Waren diese Renditen nichts, und haben sie nicht getaugt, die heutige Altersversorgung dieser Menschen zu sichern.
Diese Anlagen waren jedenfalls ertragreicher als Bausparverträge und Lebensversicherungen. Ich hätte in den letzten 50 Jahren lieber eine Aktie der Allianz-Versicherung als deren Lebensversicherung in meinem Depot gehabt.
Herzlichst, Ihr Jens Bischoff
Am 13. Juni 2007 um 18:09 Uhr
Lieber Herr Bischoff,
Dienstag war Altkanzler Helmut Schmidt bei Sandra Maischberger zu Gast – zusammen mit Richard von Weizsäcker.
Auf unsere kleine Erörterung hier, ist er aber leider nicht eingegangen.
Bin aber nach der Sendung der Meinung, dass die Schmidt’sche Zeit-Kolumne umbenannt werden muss … schlage vor:
„Auf eine Schachtel Zigaretten und ein Döschen Schnupftabak mit Helmut Schmidt“.
Der Realität käme es näher.