Vom spielsüchtigen Chinesen

Den Asiaten sagt man eine gewisse Spielermentalität nach. Vor allem den Chinesen. Klingt nach Klischee, zugegeben. Es muss aber was dran sein. Die Indizienlage ist eindeutig. Da war dieses Erlebnis in Taiwans Hauptstadt Taipeh. Und da ist der Börsenwahnsinn in Shanghai.

In Taipeh geriet ich vergangenes Jahr an einen besonderen Taxifahrer. Der steuerte mich gut und entspannt durch die Stadt. Erstaunlich war nur die Anzahl der Rotlichtphasen, die die Fahrt aufhielten. Der Fahrer jedenfalls wusste sie zu nutzen. An jeder Ampel stellte er seinen Navi-Bildschirm vom Stadtplan Taipeh auf ein Online-Trading-Tool für heimische Aktien um. Ein Daytrader im Taxi!

Noch schlimmer muss es in Shanghai sein. Die Leute buchen keine Urlaubsreisen mehr, berichtet das Tourismus-Ministerium, und die Putzfrauen erscheinen nicht mehr zur Arbeit, klagen die Zeitarbeitsfirmen. Man will teilhaben an Chinas Aktienrally. 130 Prozent Plus 2006! 60 Prozent Plus in diesem Jahr! Hatten wir so was nicht auch schon?

Eine Blase, warnen die Experten. Und die Regierung in Peking versucht gegenzusteuern.

Das neueste Mittel: höhere Steuern auf Aktienkäufe. Es scheint zunächst zu wirken. Die Kurse fielen in der vergangenen Woche um zehn Prozent. Das ist in Ordnung. Einen Crash jedoch sollte es nicht geben. Schließlich hängen inzwischen 100 Millionen (!) chinesische Kleinanleger im Börsenwahnsinn mit drin.

Der hat offensichtlich System. Allerdings begrenzt auf die Volksrepublik. Und das ist die gute Nachricht an den erstaunlichen Vorgängen in Fernost. Weil Chinas Börsen in Shanghai und Shenzhen von ausländischen Anlegern überwiegend nicht genutzt werden, würde ein Crash kaum schmerzen. Chinas Kapitalverkehrskontrollen hätten auch ihr Gutes, meint da tatsächlich ein Kollege, der aber lieber nicht genannt werden will.

Chinas Börse ist jedenfalls ein Paralleluniversum. Wir dürfen das aus der Ferne betrachten und große Augen machen. Das findet auch die Weltbank in ihrem neuesten China-Ausblick.

Geld verdienen kann man trotzdem. Es gibt schließlich China-Aktien mit vernünftiger Bewertung an der vernünftigen Börse Hongkong. Zu noch vernünftigen Preisen. Über 50 in Deutschland zugelassene Fonds investieren dort. Der beste der vergangenen fünf Jahre ist der Baring Hongkong China. Einen Sparplan könnte man da fast risikieren.

Blümel staunt, http://finanzen-blog.net, 01.06.07, Martin Blümel

Eine Reaktion zu “Vom spielsüchtigen Chinesen”

  1. Kurt

    Bleibt nur zu hoffen, dass der chinesische Markt in naher Zukunft mal “erwachsen” wird, ohne dass sich dann das Millionenheer der kleinen Anleger die Finger verbrennt. Bubbles gab es schon immer, aber dass nun auch Putzfrauen sich dabei die Finger verbrennen koennen, ist vielleicht einmalig!

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